01_titelWissenschaft und queere Lebensweisen stellen ein sehr spannungsreiches Verhältnis dar. Hier auf dem Platz vor dem Alten Auditorium ist es deshalb angebracht, ein paar Worte darüber zu verlieren.Die Wissenschaft möchte gerne neue Impulse setzen und dabei mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise als neutral wahrgenommen werden. Dass aber die Arbeit und auch der Wissenschaftsbetrieb nicht frei von Vorurteilen sind, ist aber vielen bekannt. So werden offen bekennende queere Wissenschaftler*innen bei der Jobvergabe oft diskriminiert  oder bei der Beschäftigung mit Themen wie Homo, Trans, Bi oder Intersexualität als „Betroffenheitsforscher*innen“ abgestempelt und stigmatisiert.
Somit sind einige lesbische oder bisexuelle queers von Mehrfachdiskriminierung betroffen- insbesondere queers of colour sind zusätzlich mit Rassismus konfrontiert. Zudem ist der Zugang zu Forschungsgeldern mit Projekten, die sich mit queeren Lebensweisen oder Themen beschäftigen, sehr schwer. Die deutsche Forschungsgesellschaft vergibt kaum Gelder an Projekte, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen und auch die universitätseigene Unterstützung dieser Projekte ist oft nicht vorhanden. Neben dieser offenen Diskriminierung gibt es aber auch immer Projekte, die weitreichende Folgen für die Gesellschaft haben. So wird immer mal wieder nach dem sogenannten „Homo-Gen“ geforscht oder versucht Transsexualität als Krankheit zu diffamieren. Zudem wird versucht, das vermeintliche Vorhandensein von zwei Geschlechtern (Mann-Frau) wissenschaftlich zu belegen. Deswegen wollen wir die Sichtbarkeit und Akzeptanz von queeren Personen auch im Wissenschaftsbetrieb stärken.
Aber nicht nur in der Wissenschaft wird die Diskriminierung deutlich, auch in allen anderen Bereichen der Gesellschaft gibt es starke ablehnende Haltungen gegenüber Trans*-, Inter- ,Bi- und Homosexuellen. So zeigt die 2012 veröffentlichte Studie „Deutsche Zustände“, dass 15% der Befragten Homosexualität ablehnen und 25% der Befragten finden es eklig, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen. Diese ablehnende Haltung führt bis hin zu körperlich gewalttätigen Übergriffen. Dies ist aber oft nur die Spitze des Eisberges, denn gesellschaftliche Diskriminierung und Ablehnung beginnt viel früher. So reichen oft schon Blicke oder kleine Gesten aus, um Personen, die nicht in das gesellschaftliche Frau-Mann-Hetero-Schema passen, zu markieren und zu diskriminieren. Auch Sprüche oder Kommentare können sehr verletzend sein und dazu beitragen, dass sich viele queere Personen in der Öffentlichkeit nicht zeigen wollen. Diesen Zustand möchten wir ändern und deswegen sind wir hier. Wir setzen uns für die Anerkennung weiterer geschlechtlicher Identitäten ein, jenseits von männlich und weiblich.
Trotz der vielfältigen Diskriminierungserfahrungen, die viele von uns gemacht haben, müssen wir uns trotzdem bewusst sein, dass auch einige von uns in gesellschaftlich privilegierten Stellungen leben. Das Weiß-Sein, die Männlichkeit oder die Herkunft aus einer privilegierten sozialen Klasse, sind mit gesellschaftlichen Privilegien verbunden, die allen bewusst sein sollten. Denn nur durch die Reflexion der eigenen Position können wir gesellschaftliche Hierarchien aufdecken und bekämpfen.
Bevor wir uns nun hier an dieser Stelle in alle Himmelsrichtungen verteilen werden, sollte uns allen Eines bewusst sein: Wir sind viele und wir wollen alles! Wir sind heute auf die Straße gegangen, um uns für unsere Rechte einzusetzen und die gesellschaftliche Akzeptanz unserer vielfältigen Lebensweisen einzufordern. Gehen wir nun gestärkt und selbstbewusst weiter und kämpfen gegen Homo-und Transphobie – jetzt und immer!