Am Mittwoch den 09. Juni haben in Göttingen mehr als 2500 Schüler_Innen und Student_Innen gegen die nach wie vor mieserablen Bedingungn im Bildungssystem demonstriert. Die GRÜNE JUGEND Göttingen beteiligte sich an den Vorbereitungen im Schöler_Innenböndnis, war bei der Demonstration vertreten und hielt auf der Abschlusskundgebung am Kornmarkt einen Redebeitrag, den ihr hier lesen könnt:

Redebeitrag Bildungsstreik

Wir sind wieder hier, um zum wiederholten Male alle zusammen unseren Ärger über dieses Schulsystem und unsre Bildung auszudrücken. Unsere Forderungen sind aus der langen Auseinandersetzung aus den letzten Jahren klar formuliert .Wir hoffen, dass die großen Tiere aus der Politik endlich unsre Kritik hören und sich endlich Gedanken darüber machen, wie es mit den maroden Bedingungen für gutes Lernen weitergehen soll.

Wenn sie das immer noch nicht tun, übernehmen wir das ab jetzt selbst!

Was bei all unseren Forderungen häufig unter den Tisch fällt, ist die Thematisierung des dreigliedrigen Schulsystems. Klar, der Begriff fällt oft, wir fordern die Abschaffung, aber; was heißt das System für uns? Wohin führt es uns?

Die meisten von uns besuchen die Gymnasien und Gesamtschulen der Stadt. Das heißt, die meisten von uns gehören zur „privilegierten Schicht“ dieses Systems. Schon wir beschweren uns oft über unzumutbare Zustände, über Perspektiven, über die hohen Kosten und die geringe Sicherheit.

An den Haupt-und Realschulen ist die Situation jedoch noch wesentlich prekärer. So lernen manche Hauptschüler_Innen beispielsweise, wie „vernünftig“ mit Hartz 4 „zu leben sei“, oder wie man sich auf 76 Quadratmetern anständig einrichtet. Es sollte für alle offensichtlich sein, was diese Form von Unterricht bei den Schüler_Innen bewirkt.

Die Folgen sind klar: Einen absoluten Verlust der Motivation. Denn, wofür noch lernen, oder sich für irgendwas engagieren, wenn das einzige und klare Ziel ist, mit Sozialihilfe über die Runden zu kommen.

In dieser Perspektivlosigkeit verlieren sich Schüler_Innen schnell in ihrer Ohnmacht und totalen Hilflosigkeit. Heutzutage fürchten selbst Abiturient_Innen keinen Job zu bekommen. Auch die Zeiten , als ein guter Realschulabschluss das Tor zur Welt war, sind vorbei! Doch selbst, wer trotzdem gewillt ist, hart zu arbeiten und zu lernen wird oft behindert. In den letzten Jahren sind unsere Kosten für Bildung, die laut Grundgesetz ja eigentlich unser Recht ist, in unglaubliche Höhen gestiegen. Lehrmittel wie Bücher, Hefte und Taschenrechner müssen bezahlt werden. Als wäre das nicht genug, werden Menschen, die nicht in Stadtnähe wohnen zusätzlich bestraft. Ab der 10. Klasse werden nicht mal mehr die Buskosten erstattet. Aber wie soll eine Familie die Hartz 4 bezieht, ihre Kinder aus einem Dorf in die Stadt schicken, wenn das Geld zum vorstrecken der Karten nicht vorhanden ist? Wie sollen diese Kinder aus der Reproduktion sozialer Ungleichheit, aus dem „Harzt4-Kreislauf“ ausbrechen, wenn die staatlichen Vorgaben ihnen den Zugang zu Bildung verwehren?

Was hier millionenfach passiert lässt sich mit den Worten soziale Selektion zusammenfassen. Soll es jetzt Abi nur noch für Reiche geben?

Denn schon in den frühsten Jahren der Schullaufbahn werden Menschen nach sozialem Status, Lerntyp und Systemfähigkeit sortiert. Bereits nach 4 Schuljahren wird für viele Kinder die Zukunft entschieden. Und zwar mit der Schultyp-Empfehlung. Denn diese entscheidet maßgeblich über die Annahme auf einer bestimmten Schule und somit über die gesamte Bildungsspezifische Laufbahn. Wen wundert es da noch, dass der Bildungserfolg in keinem anderen Land so sehr von der sozialen Herkunft abhängig ist, wie in Deutschland.

Der Druck, der dadurch schon auf 8 oder 9-jährige projiziert wird, ist immens und raubt vielen Kindern die Möglichkeit auf eine unbeschwerte Kindheit. Als wäre das alles nicht genug, führen Abi nach 8 Jahren und zu stramm gezogene Lehrpläne dazu, dass der Druck sich im Laufe der Schulzeit stetig erhöht. Lehrkräftemangel und Klassengröße tun das übrige. Dass jedes Jahr massenweise Menschen hinterher hängen und Unterrichtsinhalten nur unzureichend oder gar nicht folgen können, gehört dann zu den zwangsläufigen Nebeneffekten.

Es wird nicht besser. Mit jeder Welle der Bildungsproteste und Bildungsreformen kommt die nächste Kompromissformel aus der Politik. Sie machen es schlimmer, statt besser.

Dabei gibt es die Alternativen zum jetzigen Bildungschaos! Die Erkenntnis, dass wir die sozialen Unterschiede in unserer Gesellschaft nur durch den Abbau der sozialen Unterschiede im Schulsystem überwinden können, ist nicht neu. Das ist aber nicht alles. Gemeinsames Lernen ist auch pädagogisch sinnvoller als Trennung: Voneinander und miteinander lernen, nicht gegeneinander muss der Ansatz sein.

Deswegen streitet die GRÜNE JUGEND für ein ganz anderes Schul-System, das auch über die Gemeinschaftsschulen weit hinaus geht, wie sie sich von den Grünen oder anderen linken Parteien vorgestellt werden. Wir wollen die Basisschule! Wir wollen ganz andere Voraussetzungen für gutes Lernen schaffen. Durch demokratische Beteiligung der Schüler_Innen. Durch antiautoritäre Strukturen. Und durch einen Fokus auf die individuellen und selbst gestaltbaren Bildungsprozesse der Einzelnen. Wir brauchen eine Bildungspflicht und keine Schulpflicht zum abhocken. Und wir brauchen die basisdemokratische Gestaltung unserer Schulen von unten, durch die Schüler_Innen!

Lasst uns Heute und auch in Zukunft laut sein, unseren Ärger nicht runterschlucken, sondern auf die Straße tragen!